1000 Wörter: Disziplin, Struktur & Selfpublishing
Anfang Februar. Keine Vorsätze, die noch glänzen. Nur Alltag und Entscheidungen.
Ich arbeite gerade an meinem neuen Roman «Wenn Haie brennen und Löwen tauchen» und habe mir dafür ein klares Ziel gesetzt:
1000 Wörter. Jeden Tag.
Nicht, weil ich glaube, dass Quantität automatisch Qualität erzeugt. Sondern weil Schreiben für mich nur funktioniert, wenn es einen Rahmen hat.
Disziplin ist kein Gefängnis sondern meine Voraussetzung für Freiheit und Effizienz. Und ein bisschen Dopamin.
1000 Wörter sind kein romantisches Ziel
1000 Wörter klingen für den ein oder anderen nach viel. Für andere nach lächerlich wenig. Für mich sind sie realistisch.
Nicht „wenn ich Zeit habe“. Nicht „wenn ich mich inspiriert fühle“. Sondern eingebettet in einen Alltag, der bereits voll ist.
Ich stehe um 5 Uhr auf. Nicht aus Selbstoptimierungswahn, sondern weil mein Tag sonst keinen Platz für das Schreiben lässt. Der Ablauf ist unspektakulär und genau deshalb tragfähig: Aufstehen. Brotjob. Training. Manchmal Meal Prep. Haushalt. Schreiben. Wiederholung.
Und ja, manchmal schreibe ich müde oder bin unmotiviert. Manchmal auch mit dem Gefühl, dass nichts davon gut genug ist. Aber ich schreibe.
Struktur ist keine Einschränkung
Viele verwechseln Struktur vielleicht mit Starrheit, Monotonie. Dabei ist sie für mich das Gegenteil. Struktur bedeutet, ich muss nicht jeden Tag neu entscheiden, ob ich schreibe. Ich entscheide nur wie. Disziplin nimmt mir die Ausreden ab.
Ich weiß, wann ich arbeite.
Ich weiß, wann ich trainiere.
Ich weiß, wann ich esse.
Und ich weiß, wann ich schreibe.
Das Schreiben wird dadurch nicht kleiner, sondern es bekommt Gewicht. Und genauso wichtig wie dieser straffe Alltag sind meine Wochenenden. Denn Disziplin ohne Erholung mündet in Selbsterschöpfung. Wochenende ist daher kein „Bonus“, sondern Teil des Systems. Am Wochenende schreibe ich weniger oder gar nicht. Ich nehme mir bewusst Zeit für Freundschaften und Reisen.
Schreiben ist kostenlos – aber nicht billig
Schreiben kostet nichts. Man braucht ja nur sich selbst und eine Tastatur. Formal stimmt das. Praktisch ist es falsch.
Das Schreiben selbst kostet Zeit. Und Zeit ist die teuerste Ressource, die wir haben. Monate, manchmal Jahre, fließen in einen Text, der zu diesem Zeitpunkt noch keinen Cent eingebracht hat. Im Gegenteil, er kostet weiter. Denn ein Buch endet nicht mit dem letzten Wort. Das schreiben ist nur der erste Schritt. Ein Lektorat für stabile Qualität unausweichlich.
Das Lektorat wird in der Regel pro Normseite abgerechnet. Und diese Preise summieren sich schnell. Je nach Umfang, Tiefe und Anspruch liegt man sehr schnell im vierstelligen Bereich für seinen Roman. Und das ist kein Luxus, es ist Mindeststandard.
Ein gutes Lektorat macht aus einem Text kein anderes Buch, aber es verhindert, dass ein gutes Buch an handwerklichen Schwächen und ärgerlichen Tippfehlern scheitert.
Das Problem: In vielen Fällen (ich spreche von meiner Erfahrung) deckt der spätere Buchverkauf diese Kosten nicht einmal annähernd.
Selfpublishing heißt nicht kostenlos veröffentlichen.
Es heißt, die Kosten selbst zu tragen.
Der Gewinn
Jetzt kommt der Teil, über den ungern gesprochen wird. Der Gewinn pro verkauftem Buch liegt zwischen ca. 2 und 9 Euro.
Abhängig von:
- dem Format (eBook, Taschenbuch, Hardcover)
- dem Verkaufspreis
- dem Vertriebsweg (Direktverkauf, Onlineplattform, Buchhandel)
- den jeweiligen Abgaben und Margen
Selbst bei guten Verkaufszahlen dauert es lange, bis ein Buch seine eigenen Kosten wieder einspielt. In vielen Fällen (und nochmal: das ist meine ehrliche Erfahrung) tut es das nie vollständig.
Viel Arbeit. Wenig Gewinn. Warum also?
Warum also dieser Aufwand?
Warum 1000 Wörter am Tag?
Warum 5 Uhr morgens?
Warum Disziplin, wenn sie sich finanziell kaum auszahlt?
Die Antwort ist unbequem einfach: Weil ich das Schreiben liebe und brauche. Die Tatsache, dass etwas entsteht, das ohne mich nicht existieren würde. Und ich verarbeite erst dann, wenn ich künstlerisch aktiv werde – ob mit Farbe oder Worten.
Schreiben ist für mich kein Geschäftsmodell mit schneller Rendite. Es ist eine Entscheidung. Manchmal auch eine Anklage gegen die Welt.
Dieser Blogbeitrag ist kein Aufruf zur Selbstoptimierung. Kein „Wenn ich das schaffe, kannst du das auch“. Er ist eine Momentaufnahme. Ein ehrlicher Blick auf das, was es bedeutet, dranzubleiben, obwohl es wirtschaftlich oft irrational ist.
Disziplin heißt für mich nicht, mich auszubeuten. Sie heißt, meine Prioritäten ernst zu nehmen. Und das Schreiben ist eine davon.