Leseprobe
»MALUM MORALE«
Krieg. Genozid. Tod. Sex. Tierquälerei. Selbstverletzung. Erwähnung körperlicher, sexualisierter und seelischer Gewalt (auch gegenüber Minderjährigen). Manipulation. Gaslighting. Stalking. Selbstjustiz.
Malum Morale
Moralisches Übel
Das Malum Morale beschreibt die bösartige und bewusste Handlung einer Person gegenüber ihrer Mitmenschen.
Schweiz. Zwanzig Jahre nach der globalen Wirtschaftskrise.
Die geopolitische Position des Landes festigte sich während und nach der Weltwirtschaftskrise enorm. Als größter Rüstungsexporteur und zuverlässige, neutrale Bank wog es seine Bewohner und Investoren stets in Sicherheit. Das bereits vorhandene Bunkersystem wurde weiter ausgebaut und die Sanktionen für Vergehen intensiviert. Trotz der harten Strafen bildete die Schweiz ein begehrtes Einwanderungsland. Ein stabiles Einkommen lockte zahlreiche Migranten ins Land, während in den meisten Staaten nur noch ein Leben am Existenzlimit und in absoluter Armut sowie Korruption möglich war.
Prolog
Das rotierende Blaulicht ließ tanzende Schatten über Ethan Matteo Scotts Gesicht huschen. Es war kalt um ihn herum, nass und dunkel. Gedämpft hörte er das Donnern oberhalb seines Kopfes und ein starker eisenhaltiger Geruch brannte in seiner Nase. Wie versteinert stand er da und starrte mit ausdrucksloser Miene auf die Leiche eines Mannes mittleren Alters vor sich. Eine Blutlache hatte sich um den Toten ausgebreitet. Sein Kopf war zerschmettert, das Gesicht kaum zu erkennen. Ethan spürte die Leere in sich. Nein. Da war doch etwas in ihm.
Trauer? Nein.
Hass? Nein.
Enttäuschung.
Es hatte sich nichts verändert. Da hatte er alles bis ins kleinste Detail geplant, sich vorgestellt, wie er sich danach fühlen würde, dass dann alles besser wäre – und jetzt? Ethan war klar, dass sie durch diese Tat nicht wieder lebendig würde.
Sie hätte gewollt, dass ich das tue. Jetzt kann sie in Frieden ruhen.
Aber Ethan selbst ging es nicht besser – jedoch auch nicht unbedingt schlechter. Langsam ließ er den blutverschmierten Baseballschläger aus seiner Hand zu Boden gleiten. Kurz darauf wurden ihm die Hände auf den Rücken gedreht und die Handschellen klickten beim Verschließen. Grob stießen ihn die Beamten auf die Rückbank des Streifenwagens.
Mehrere Wochen lang kannten die Klatschpresse und schlecht moderierte True-Crime-Podcasts nur das eine Thema und berichteten in aller Ausführlichkeit über den Vorfall, der das Land erschütterte:
Am Abend des 16. August wurden Schreie und dumpfer Lärm in einer etwas abgelegenen, aber sonst idyllischen Wohngegend gemeldet. Die Polizei traf zu spät ein und konnte den Täter, den dreizehnjährigen Ethan, nur noch festnehmen und abführen. Ethan hinterließ ein grausames Blutbad, das seinem jungen Alter niemals zuzutrauen gewesen wäre. Nachbarn berichteten, dass der Familienvater, Raphael M., aus dem Haus gehumpelt kam, gefolgt vom Dreizehnjährigen, der schließlich mit einem Baseballschläger mehrmals auf den Kopf des Vaters einschlug. Als die markerschütternden Schreie des sterbenden Mannes endlich verstummten, rutschte die Tatwaffe aus der Hand des Jugendlichen und in einer Art Schockstarre betrachtete er schweigend sein Werk. Auch die Ehefrau, Felicitas M., sowie der gemeinsame Sohn, Paolo M., fanden an jenem Tag aus bisher ungeklärten Umständen den Tod.
Ein Motiv für das grauenvolle Verbrechen ist bisher nicht bekannt. Ethan betonte zwar mehrmals, dass allem voran Raphael dieses Schicksal verdient hatte, aber mehr haben die Ermittlungen aktuell noch nicht ergeben. Die Familie sei laut der Nachbarn stets eine freundliche, hilfsbereite und sympathische Vorzeigefamilie gewesen.
Auch als sich seine alleinerziehende Mutter vor Kummer über die Tat ihres Sohnes mit Schlaftabletten das Leben nahm, zeigte Ethan keine Regung.
1. Kapitel
Freitag, 3. Juli.
Zwei Monate vor dem Wandel.
»Personen wie der Philosoph Immanuel Kant haben den menschlichen Hang zur Boshaftigkeit und zu unrechten Handlungen begriffen. Es ist ein Fakt, der nicht abstreitbar ist. Aber warum wehren wir uns so sehr dagegen, die verdorbene Natur des Menschen anzuerkennen? Warum diskutieren wir noch, statt zu handeln, wenn Resozialisierungsmaßnahmen schon lange nicht mehr die Lösung des Problems darstellen?
Es gibt keine von der Gesellschaft anerkannte Möglichkeit, die Welt nachhaltig zu verändern und zu einem besseren Ort zu machen.
Du schreibst von individuellen Optionen, die jeder selbst wahrnehmen kann, um Einfluss auf die Welt auszuüben. Mitgliedschaft in einer Partei, Demonstrationen, Spenden, das Vorleben edler Prinzipien … Aber ich frage dich, was bringen all diese Maßnahmen? Die meisten halten maximal für deine eigene Lebensdauer an, damit du mit ruhigem Gewissen ins Gras beißen kannst. Doch was geschieht nach deinem Ableben? All das, wofür du dich eingesetzt hast, gerät in Vergessenheit. Wir verweisen hier gerne auf Helden wie Nelson Mandela oder Abraham Lincoln. Ohne jeden Zweifel großartige Männer, die einen wertvollen Beitrag zur Geschichte leisteten. Doch die positive Entwicklung schreitet stockend voran und wird stetig zurückgeworfen. Sklavenhandel und Rassismus prägen heute immer noch die dunklen Seiten vieler Menschen.
Die Frage, der wir uns stellen müssen, lautet: Wie lange wollen wir noch warten, wie viel Blut vergießen, ehe die Menschheit endlich zu einem besseren Sein aufsteigt? Es wird Zeit, dass wir das Problem an der Wurzel packen. Das Böse darf nicht mehr länger toleriert oder bekehrt werden. Man muss es auslöschen.
Möglicherweise verschließen viele Leute die Augen vor dem, was in dieser Welt tatsächlich abgeht. Man kann es ihnen nicht einmal verübeln; schützen sie sich mit dieser Einstellung doch nur selbst.«
Das Drehen des Schlüssels im Türschloss riss Tamara aus den Gedanken. Hektisch faltete sie den Brief, sprang gleichzeitig vom Sofa auf und verstaute ihn in ihrer Jeanshosentasche. Keine Sekunde später öffnete sich die Tür und ein uniformierter, blonder Mann trat in ihre Wohnung.
»Ich muss mich noch dran gewöhnen, dass du einen Schlüssel hast und jederzeit bei mir reinmarschieren kannst«, lachte Tamara und empfing ihren Freund mit einem kurzen Kuss.
»Ich bleibe nicht lange. Wir müssen noch einige Maßnahmen für das Fußballspiel morgen abklären.«
»Wegen der Hooligans?«
Slava nickte zustimmend.
»Bei zwei ewig rivalisierenden Mannschaften kocht die Stimmung schneller über denn je. Es ist schade, dass der Sport als Plattform für solche Vollpfosten missbraucht wird.«
»Immerhin seid ihr vor Ort, um denjenigen ein sicheres Erlebnis zu ermöglichen, die tatsächlich wegen des Spiels kommen«, sagte Tamara und legte ihm ermutigend eine Hand auf die Schulter.
Slava schnaubte.
»Jaja, die Polizei. Dein Freund und Helfer. Ich wäre besser Rettungsassistent oder Feuerwehrmann geworden. In diesen Jobs erfährt man wenigstens noch Dankbarkeit und jeder freut sich, wenn man eintrifft. Bei uns Polizisten heißt es dann immer nur, dass die blöden Bullen da sind!«
Obwohl er mit gerade einmal achtundzwanzig Jahren noch nicht lange im Dienst war, nervte ihn sein Job schon so manches Mal. Doch im Kern, das wusste Tamara, liebte er seinen Beruf.
Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend dachte Tamara an den Vorfall, der bereits einige Jahre zurücklag. Sie kannte Slava damals nicht und hatte keinerlei Verbindung zur Polizei. Dennoch schockierten die Bilder nicht nur sie, sondern das ganze Land. Es ereignete sich zu einem Heimspiel der Schweiz gegen Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Exfreund, der ein großer Fan der schweizerischen Mannschaft war, verfolgte Tamara das Spiel im Fernsehen, als zu Halbzeitbeginn von einer Auseinandersetzung außerhalb des Stadions berichtet wurde. Vor dem Veranstaltungsort standen Reporter, die die grausamen Bilder einfingen, aber machtlos waren und nicht eingreifen konnten. Zwei Polizisten wehrten sich gegen eine Schar heranstürmender Hooligans. Diese warfen Flaschen und Steine nach ihnen. Die beiden Beamten hatten keine Chance. Sie setzten zur Flucht an, wurden aber von dem brutalen Mob eingeholt, festgehalten und selbst dann noch zusammengeschlagen, als sie längst bewusstlos waren.
Tamara erinnerte sich an die Bilder, die sie später zu diesem Vorfall im Internet verstreut fand. Der Schädel des älteren Polizisten wurde durch die zahlreichen Tritte wie ein zerbrechliches Ei zerdrückt. Während sein Kollege tot am Boden lag, ging der Jüngere weiter durch die Hölle. Schläge trafen ihn in den Unterleib, die Genitalien und das Gesicht. Glasscherben wurden in sein Fleisch gedrückt und seine Finger gebrochen, sodass sie in einem unnatürlichen Winkel abstanden. Obwohl er den grauenvollen Vorfall überlebte, trug er bleibende physische sowie psychische Schäden davon und quittierte seinen Dienst.
Tamara schluckte. Es war das erste Mal, seit sie sich kannten und ein Paar waren, dass Slava zu einem Fußballspiel gerufen wurde. Es bereitete ihr Sorge, ihn in diesem Umfeld zu wissen, wenngleich er ihr versicherte, dass es sich um einen Einzelfall gehandelt habe und sie auf alle Fälle vorbereitet waren. Slava hatte ein dickes Fell. Die Furcht wäre ein einziges Hindernis bei der Ausübung seines Dienstes, sagte er immer.
»Genug von mir«, riss seine Stimme sie aus ihren Gedanken. Tamara ging mit ihm in die Küche und er bediente die Kaffeemaschine. »Ich muss erst in drei Stunden im Büro sein. Erzähl mir bis dahin von deinem Arbeitstag.«
Er reichte ihr den ersten Kaffee und trat mit der zweiten Tasse in der Hand in das Wohnzimmer.
»Du weißt, dass ich darüber eigentlich gar nicht reden darf«, seufzte sie. »Erst recht nicht mit einem Polizisten.«
»Musstest du heute schon filtern?«
Tamara nippte an ihrem Kaffee.
»Ich wurde für den ersten Tag einem Kollegen zugeordnet, dem ich assistieren musste. Ich sollte ihm über die Schulter schauen und gemeinsame Entscheidungen fällen.«
Slava schaute sie erwartungsvoll an, als sie pausierte. »Und?«
»Du bekommst völlig neue Einblicke in die Welt von Social Media«, sagte Tamara. »Ich wusste natürlich, worauf ich mich einlasse. Nichtsdestotrotz waren die Bilder heftig.«
In rascher Abfolge blitzten die auf ihrer Netzhaut eingebrannten Impressionen des Tages wieder auf. Ihre Gedanken schweiften jedoch zurück zu Slava und seinem nahenden Einsatz.
Menschen sind böse … Und wenn Slava so etwas Schreckliches zustoßen würde? Kaum vorstellbar … Ich würde … ausrasten.
»Man fragt sich, welche Menschen so einen Scheiß hochladen und auf Social Media oder YouTube stellen«, fuhr Tamara nach einer kurzen Pause fort. »Wir filtern nicht das Dark Web, sondern Plattformen, auf denen andere ihre Urlaubsfotos oder Aufnahmen ihrer spielenden Kinder posten. Dieser starke Kontrast hat mich so entsetzt. In meinem ersten Video war dieser Kerl … Er verprügelte einen kleinen Jungen, schlug ihm mit einer klobigen Gürtelschnalle mehrmals auf den blanken Hintern. Im Hintergrund hörte man eine Frauenstimme, die meinte, dass der heutigen Jugend eine Tracht Prügel guttut, weil sie sonst verkommt.«
»Ekelhaft, dass man sich damit auch noch brüstet«, grollte Slava. »So etwas gehört angezeigt.«
Ein verbittertes Lächeln stahl sich auf Tamaras Lippen.
»Es gibt nicht genügend Leute, um der Flutwelle dieser Taten Herr zu werden. Man weiß wirklich nicht, wo man anfangen soll. Es klingt total bescheuert, aber minütlich werden über fünfhundert Stunden Videomaterial allein auf YouTube hochgeladen. Und das ist nur eine Plattform von vielen. Es endet nie. Zumal die Accounts, die solche Inhalte hochladen, unter Decknamen laufen. Du weißt einfach nicht, gegen wen du Anzeige erstatten sollst. Möglicherweise ist der Uploader nicht gleich der tatsächliche Urheber des Videos oder der Täter. Strafrechtlich gesehen ist ein Überblick kaum möglich. Das Internet verbindet verschiedene Kulturen und Länder – und damit auch Gesetzeslagen. Wenn ein Verbrechen beispielsweise in Deutschland begangen und gefilmt wird, haben wir fast keinen Spielraum. Uns wird von Anfang an deutlich gemacht, dass wir in diesem Job keine moralischen Richter sind. Im Prinzip läuft es wie in der Rüstungsindustrie. Allen ist bewusst, dass ihre Werkzeuge für Gewalt und Verderben missbraucht werden, aber im Fokus steht immer nur der wirtschaftliche Gewinn.«
»Es geht nur ums Geld … Darin spiegelt sich einmal mehr die Moral unseres Landes wider. Die Schweiz ist die stärkste Wirtschaftsmacht in der Welt und nutzt diese finanziellen Kapazitäten so wenig, um der globalen Kriminalität entgegenzuwirken. Stattdessen machen sie andere Länder nur noch weiter von sich abhängig und baden im Geld … Und du bist dir sicher, dass du diesen Job fortführen möchtest?«, hakte Slava nach.
Tamara nickte.
»Es ist mein Versuch, die Welt ein Stück besser zu machen. In meinem vorherigen Job als Social Media Managerin war das nur bedingt möglich. Jetzt kann ich die Leute auf den Plattformen vor solchen Inhalten bewahren und dafür sorgen, dass …«
Tamara stockte, als sich ihr ein Satz aus Tills letztem Brief aufdrängte.
Es wird Zeit, dass wir das Problem an der Wurzel packen. Das Böse darf nicht mehr länger toleriert oder bekehrt werden. Man muss es auslöschen.
»Aber zu welchem Preis?«
Slavas Frage holte sie aus ihren Gedanken zurück. Ihr nach innen gekehrter Blick richtete sich von der Kaffeetasse auf seine blauen Augen.
»Für den gleichen Preis, den du zahlen musst«, meinte sie und strich sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wir starren beide den Abgründen der Menschheit entgegen. Jeder auf seine eigene Art und Weise.«
Slava öffnete den Mund, um etwas zu sagen, wurde jedoch von dem Klingelton seines Handys jäh unterbrochen. Ohne zu zögern, nahm er das Gespräch an. Wenige Wortfetzen später erhob er sich, leerte seinen Kaffee und verabschiedete sich von Tamara mit der Begründung, dass ein Betrunkener Leute in einem Café am Hauptbahnhof anpöbelte.
»So ist das eben in der Bereitschaft«, ergänzte er, gab ihr einen flüchtigen Kuss und zog die Tür hinter sich zu.
Ein wenig enttäuscht blieb Tamara allein in ihrer Wohnung zurück. Sie hatte gehofft, wenigstens die paar freien Stunden mit ihm genießen zu können. Zu gern hätte sie ihm ein zweites Mal ihre Befürchtungen bezüglich des Fußballspiels geäußert. Doch was hätte es gebracht? Einen genervten Blick mehr, weil sie sich zu stark um ihn sorgte?
Schnaubend fiel Tamara auf die Couch und fischte Tills Schreiben aus der Hosentasche. Die Brieffreundschaft zu Till war etwas ganz Besonderes. Nicht nur das Papier war geduldig, sondern ebenfalls der Mensch, der es benutzte. Im Gegensatz zu Slava ging Till jedes Mal auf ihre Sorgen und Gedanken ein, verhalf ihr dabei, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen.
Langsam entfaltete sie den Brief und setzte die Lektüre fort.
Ich bin gerechtMALUM MORALE
Genre: Dystopie / Psychothriller / Noir
Erhältlich als Hardcover, Taschenbuch und E-Book.
461 Seiten.
August 2025 erschienen bei Amazon KDP
Lektorat: Hagen Thiele, www.hagen-thiele.de
Coverdesign & Buchsatz: Sandy Matz